Projekt Feuer & Eis, Teil 3: Skitouren in Chile

Grüner Regenwald voller Epiphyten und Flechten. Mächtige Araukarien, deren stachelige Äste den Himmel durchstechen wie Krakenarme. Dichtes Bambusgestrüpp, auf dessen Blättern Eiskristalle im Morgenlicht glitzern. Über unseren Köpfen: ein kreischender Schwarm Sittiche im Wipfel einer Südbuche. An unseren Füßen: nagelneue Dynafit-Tourenski. Es würde sich anfühlen wie eine Trekkingtour in den Tropen, wäre da nicht der schneeweiße Kegel eines Vulkans vor uns.

Mit einem bis unters Dach vollgepackten Peugeot 208 von Auto Europe reisen wir vier Wochen lang von Santiago de Chile bis nach Nordpatagonien. Statt in Hotels oder Hostals übernachten wir im Zelt in der Natur. Chile liegt am Pazifischen Feuerring, an dem mehrere tektonische Platten aufeinanderstoßen. Jedes Jahr gibt es daher irgendwo im Land Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Tsunamis. Unser Ziel ist es, die aktiven Vulkane mit Ski besteigen.

Unsere Eingehtour führt auf die Nevados de Chillán. 1600 Höhenmeter bis auf 3186 Meter Höhe, die sich anfühlen wie eine 5000er Besteigung. Stundenlang stemmen wir uns gegen den schneidenden Sturm, bis wir endlich den Kraterrand erreichen. Es dampft aus Spalten im Schnee, durch die das rötliche Vulkangestein durchschimmert. Dann erwartet uns eine rauschende Firnabfahrt über menschenleere, perfekt geneigte Hänge.

El Niño beschert uns in den nächsten Wochen heftige Regenfälle, aber wir passen die Sonnentage dazwischen ab. Am Antuco (2985 m), unserem nächsten Vulkan, campen wir im Zypressenwald unterhalb eines gigantischen, erstarrten Lavastroms. Beim Aufstieg bietet sich ein grandioses Panorama auf die weit verzweigte Laguna del Laja. Es folgt die Besteigung des Lonquimay (2865 m), wo wir statt über Firn durch knietiefen Powder wedeln. Auch am Vulkan Llaima (3125 m) lohnen sich die 2000 Höhenmeter Aufstieg: Oben rauchen zahllose Fumarolen, ganz unten fahren wir Slalom zwischen Araukarien. Ein bisschen Abenteuer erwartet uns am Lanin (3747 m). Wir tragen die gesamte Ausrüstung auf 2180 m Höhe und verbringen die Nacht am Berg – inklusive Ausblick auf den rauchenden Schlot des Villarrica im roten Licht des Sonnenuntergangs. Der nächste Tag wird hart: Die steile Gipfelflanke ist bockhart gefroren und taut auch am Nachmittag nicht auf. Bei der Abfahrt auf den endlosen, von braunen Basaltrippen durchzogenen Hängen verlieren wir trotz GPS etwas die Orientierung. Als wir das Zelt wieder finden, liegt es vom Winde verweht und aufgeschlitzt auf dem scharfen Vulkangestein.

Am Gipfelaufbau des Osorno schlängeln wir uns im bis zu 60° steilen Gelände durch riesige bizarre Eispilze nach oben. Der Osorno gilt wegen seiner Spaltenzonen als der anspruchsvollste Vulkan. Zu guter Letzt steht noch der Villarrica (2840 m) auf dem Programm, einer der gefährlichsten und aktivsten Vulkane Südamerikas. Nachts leuchten rote Feuerzungen über seinem Krater, wenn sich die glühende Lava in den Wolken darüber reflektiert. Seit seinem letzten Ausbruch im März 2015 ist der Villarrica offiziell gesperrt – was uns nicht daran hindert, im frühen Morgengrauen bei stürmischem Wind aufzusteigen. Die Hänge glänzen wie die Oberfläche eines gefrorenen Sees. Mit Steigeisen und Pickel stapfen wir Schritt für Schritt den Schlot hinauf, der wie ein Kamin wabernde Rauchschwaden ausstößt. Doch nur 100 Höhenmeter unterhalb des Kraterrands müssen wir aus Sicherheitsgründen umkehren. Der Wind bläst uns den Rauch entgegen, der wie ätzende Säure in unseren Augen und Atemwegen brennt. Der fauchende Drache aus der Unterwelt hat gewonnen. Doch die Enttäuschung hält nicht lange an. In Japan warten im April 2016 weitere Vulkane auf uns.

Fazit: 10 Vulkane, 8 Gipfel und sehr viel Spaß im Schnee!