Lockdown in Kenia: Interview mit Hardy Fiebig

Der Autor und Fotograf Hardy Fiebig erzählt über die Lage der Menschen in Kenia während der Corona-Krise. @hardyfiebigphotostory

Zu Beginn der Pandemie hat die Regierung erst nicht gehandelt, weil China Druck ausgeübt hatte, als Kenia den Flugverkehr unterbrechen wollte. Dann hat man aber sehr stark reagiert – seit dem 27. März ist das Land im Lockdown. Man will vor allem verhindern, dass die Leute aus Nairobi in die verschiedenen Landesteile reisen und die Krankheit mitnehmen. Am Anfang habe ich von vielen Freunden gehört: „Was macht Ihr in Europa für eine Panik? Auch sonst gilt hier Survival of the Fittest. Für uns ist es Normalzustand, dass irgendeine Katastrophe über uns hereinbricht.“ Doch dann waren die Leute zunehmend verzweifelt durch diesen Lockdown. Corona ist gar nicht das Problem. Stell Dir vor, jemand hat keine Ersparnisse und muss täglich ausrücken, um sich und seine Lieben ernähren zu müssen. Und dann bricht das komplett weg – das ist der Horror! Die Leute hungern. Die Bauern erreichen zum Teil nicht ihre Felder. Zudem kommt auch wenig nach Nairobi rein, was zu steigenden Preisen führt. Die Privilegierten und die Politiker haben das größte Interesse, die Krankheit so klein wie möglich zu halten. Die Oberschicht in Kenia hat sicher eine große Angst vor dem unsichtbaren Virus, weil keiner weiß, wie gefährlich das ist. Für sie ist es die beste Lösung, alles zuzumachen und die Situation irgendwie auszusitzen. Aber für die Armen ist es nicht die beste Möglichkeit, weil sie verhungern. Und bei denen sterben ohnehin viele Leute an unbehandelten Krankheiten. Wenn man nun rein nach Köpfen gehen würde, ist tatsächlich die Frage, was den größeren Schaden anrichtet. Die Infektionszahlen scheinen nicht das große Problem zu sein, es sind die Schutzmaßnahmen gegen Corona.

Ein weiteres Problem ist die Willkür von Behördenseite. Den Leuten wird gesagt: „Aha, du bist ohne Maske unterwegs!“ Und auch wenn das gar nicht stimmt, bekommen diese Leute Schläge. Ich höre immer wieder von Freunden, dass die Ordnungskräfte vor Ort relativ willkürlich handeln, teilweise aus Eigeninteresse.

Andererseits bin ich beeindruckt von der Ernsthaftigkeit der Menschen, die sich an die Regeln halten, mit Masken unterwegs sind und zu Hause bleiben. Da dachte ich am Anfang des Lockdowns ehrlich gesagt, das wird ja lustig. Normalerweise ist es ein kenianischer Volkssport, irgendwelche Regeln zu umgehen. Aber das scheinen die Leute doch sehr ernst zu nehmen.

Mount Kenya


Schlechte Infrastruktur und Heuschreckenplage

Es hat zwar staatliche Corona-Hilfen gegeben, aber die stehen in keinem Verhältnis zu den reellen Kosten für die Menschen. Kenia hat eine minimale Zahl an Beatmungsplätzen und diese sind sehr teuer. Die Behandlung in Privatkliniken können sich die normalen Kenianer sowieso nicht leisten. Die Regierung hat jedoch Gelder zur Verfügung gestellt, um den Gesundheitssektor zu stärken. Es gibt zum Beispiel in Nordkenia in sehr abgelegenen Gebieten von der lokalen Verwaltung super Aktionen, um die traditionell lebenden Leute über die Gefahren aufzuklären, zum Beispiel im Turkana County.

Im Norden von Kenia kommt jetzt noch etwas Neues hinzu, denn die Heuschrecken sind in zwanzigfacher Zahl zurückgekommen. Die Leute dort leben hauptsächlich pastoralistisch, also seminomadisch als Hirten. Und die Heuschrecken fressen das ganze Futter für ihre Vieh – das ist eine riesige Katastrophe! Durch Corona ist das alles aus den Medien verschwunden. Ich überlege, mit Freunden vor Ort irgendetwas in Gang zu setzen, um den Leuten dort zu helfen.


Folgen für den Tourismus und Naturschutz

In Kenia kann man momentan beobachten, wie die Gegensätze zwischen den sozialen Schichten noch größer werden. Es gibt Hotels, die „Corona All-inclusive-Happiness-Packages“ für die Reichen anbieten. Und die Leute in den Slums wissen nicht, wie sie überhaupt satt werden sollen. Ansonsten ist der Tourismus zurzeit natürlich tot. Für den internationalen Tourismus gibt es zwei Saisonzeiten, dazwischen ist nicht viel los. Das Kenya Tourism Board versucht daher schon seit einiger Zeit erfolgreich, den nationalen und innerafrikanischen Tourismus stark zu fördern. Wenn jetzt mit Corona die gesamte Hochsaison im Sommer wegbricht – während der großen Tiermigration in der Masai Mara, der Hauptumsatzbringer für den Tourismus im Land – dann wird´s echt interessant, wer noch überlebt. Aber der kenianische Tourismus hat immer wieder unter schweren Schlägen zu leiden gehabt und sich immer wieder erholt. Von daher bin ich schon optimistisch. Es wird sicher zu Verschiebungen in dem Sektor kommen. Ich bin mir nicht sicher, wer damit am besten zurechtkommt, ob die großen Ketten mit internationalen Investoren oder die Kleineren. Wer ganz gewiss am meisten leiden wird, das sind die ganz normalen Angestellten: die Safarifahrer, die Kellner in Restaurants, die Zimmermädchen. Denn die werden als erste vor die Tür gesetzt und dort gibt es eben kein Kurzarbeitergeld.

Den Natur- und Tierschutz sehe ich momentan noch nicht sehr gefährdet. Kenia hat einen sehr guten Naturschutzsektor, in dem auch viele internationale Organisationen involviert sind. Der Kenya Wildlife Service macht im Großen und Ganzen einen vernünftigen Job und auch viele Kenianer engagieren sich. Die Natur wird inzwischen auch als Wert von den Leuten erkannt. Aber nun sind natürlich weniger strikte Kontrollen möglich. Auf Dauer wird der internationale Geldfluss durch den Tourismus und internationale Sponsoren abnehmen. Momentan nimmt die Wilderei zwar zu, aber es ist noch nicht so dramatisch. In Kenia war die Nashorn- und Elefantenwilderei zum Glück nie so schlimm wie in Tansania und in Südafrika.